Holacracy erklärt - Rollen, Kreise und verteilte Verantwortung

Siegmund Engelhardt .

30. Mai 2026

Das holacracy modell zeigt die drei Bestandteile einer Rolle: Sinn, Domänen und Verantwortlichkeiten.

Wenn Entscheidungen in einer Organisation ständig durch wenige Führungskräfte laufen, entstehen Wartezeiten, unklare Zuständigkeiten und Frust. Das Holacracy-Modell verteilt Autorität auf klar definierte Rollen und Kreise, damit Menschen näher an ihrer Arbeit entscheiden können. Ich zeige, wie dieses System funktioniert, worin seine Chancen für die Gesellschaft liegen und warum es trotz flacher Hierarchien kein völlig führungsloses Arbeiten bedeutet.

Verteilte Verantwortung braucht klare Regeln

  • Holacracy ersetzt klassische Stellenhierarchien durch Rollen, Kreise und verbindliche Entscheidungsprozesse.
  • Autorität liegt nicht automatisch bei Personen mit einem bestimmten Titel, sondern bei klar beschriebenen Rollen.
  • Governance verändert die Organisationsstruktur, während operative Prozesse die tägliche Arbeit steuern.
  • Das Modell kann Transparenz und Anpassungsfähigkeit erhöhen, verlangt aber Disziplin, Übung und Bereitschaft zum Umdenken.
  • Für jede Organisation gilt nicht automatisch das gesamte System. Ein schrittweiser Einstieg ist oft realistischer.

Holakratische Unternehmensstruktur mit Kreisen und Rollen. Das holacracy modell zeigt eine dezentrale Organisation.

Was das Holacracy-Modell anders organisiert

Holacracy ist ein Organisations- und Governance-System, das Entscheidungsrechte von einzelnen Führungspositionen auf definierte Rollen verteilt. Eine Rolle beschreibt nicht einfach einen Arbeitsplatz, sondern einen konkreten Zweck, bestimmte Verantwortlichkeiten und gegebenenfalls eigene Entscheidungsbereiche.

Das klingt zunächst nach einer kleinen sprachlichen Veränderung, ist aber organisatorisch weitreichend. Eine Person kann mehrere Rollen in unterschiedlichen Kreisen übernehmen, während eine Rolle auch von mehreren Personen ausgefüllt werden kann. Entscheidend ist also nicht mehr nur, wer jemand ist, sondern welche Aufgabe gerade ausgeübt wird.

Die Rollen werden in Kreisen gebündelt. Ein Kreis ist dabei nicht zwingend ein Team aus bestimmten Menschen, sondern ein Bereich miteinander verbundener Funktionen. Jeder Kreis kann seine interne Governance weiterentwickeln und bleibt zugleich mit übergeordneten Kreisen verbunden.

Ich halte einen Punkt für besonders wichtig. Holacracy bedeutet nicht, dass alle über alles abstimmen oder dass Führung einfach verschwindet. Die Macht wird vielmehr in schriftlich festgelegte Regeln und Prozesse verlagert. Das kann befreiend wirken, nimmt den Beteiligten aber auch die Möglichkeit, sich bei jeder schwierigen Frage auf eine informelle Führungskraft zu verlassen.

Rolle, Kreis und Person sind nicht dasselbe

Eine Rolle hat typischerweise einen Zweck und mehrere Verantwortlichkeiten. Der Zweck beschreibt, welchen Beitrag sie leisten soll, während Verantwortlichkeiten wiederkehrende Tätigkeiten benennen. Eine Rolle im Bereich Kommunikation könnte etwa den Zweck haben, die öffentliche Verständlichkeit einer Initiative zu erhöhen, und dafür redaktionelle Planung, Medienkontakte und Inhaltsprüfung übernehmen.

Der Kreis bündelt solche Rollen unter einem gemeinsamen Ziel. Die Person bringt Fähigkeiten, Erfahrung und Interessen ein, handelt im System aber immer aus einer bestimmten Rolle heraus. Diese Trennung schafft mehr Klarheit bei Entscheidungen, kann am Anfang jedoch ungewohnt und teilweise sperrig wirken.

Wie Governance und tägliche Arbeit zusammenwirken

Das System unterscheidet zwischen Governance und operativer Arbeit. Governance beantwortet die Frage, wie die Organisation strukturiert ist. Dort werden Rollen geschaffen, Verantwortlichkeiten angepasst, Zuständigkeiten geklärt und Regeln verändert.

Die operative Arbeit betrifft dagegen die Umsetzung. Sie umfasst Projekte, Prioritäten, Absprachen und konkrete Entscheidungen im Alltag. Eine Person muss also nicht erst auf eine neue Sitzung warten, um innerhalb ihrer Rolle tätig zu werden, solange sie die festgelegten Grenzen und Verantwortlichkeiten einhält.

Bereich Worum geht es? Typisches Ergebnis
Governance Wie soll die Organisation aufgebaut sein? Neue Rolle, geänderte Verantwortung oder neue Policy
Operative Arbeit Was muss jetzt erledigt werden? Aufgabe, Projektentscheidung oder Priorisierung
Rollenbesetzung Wer übernimmt welche Funktion? Zuordnung einer Person zu einer Rolle
Koordination Wie arbeiten Kreise und Rollen zusammen? Abstimmung, Übergabe oder gemeinsame Vereinbarung

Eine zentrale Methode ist die Arbeit mit sogenannten Spannungen. Damit ist nicht persönlicher Streit gemeint, sondern eine wahrgenommene Differenz zwischen dem, was ist, und dem, was im Sinne des Organisationszwecks besser funktionieren könnte. Eine solche Spannung kann zu einer Veränderung der Governance führen.

In einem Governance-Prozess muss nicht erst ein vollständiger Konsens entstehen. Ein Vorschlag wird geprüft, und Einwände müssen sich auf konkrete mögliche Schäden für die Organisation beziehen. Das macht Entscheidungen oft beweglicher als klassische Einstimmigkeit, verlangt aber eine saubere Moderation und gute Vorbereitung.

Welche Vorteile das für Menschen und Gesellschaft haben kann

Der gesellschaftliche Reiz des Modells liegt für mich in der Frage, wie Macht im Arbeitsleben verteilt wird. Klassische Organisationen verbinden Autorität häufig mit Rang, Dienstalter oder Nähe zur Geschäftsleitung. Holacracy versucht, diese Verbindung zu lockern und Mitwirkung an tatsächliche Aufgaben zu knüpfen.

Mehr Transparenz über Verantwortung

Wenn Rollen schriftlich dokumentiert sind, lässt sich leichter erkennen, wer für welches Thema zuständig ist. Das reduziert das bekannte Problem, dass Aufgaben zwar wichtig sind, aber niemand sich wirklich verantwortlich fühlt. Gleichzeitig wird sichtbar, wo eine Rolle überladen oder eine Zuständigkeit überhaupt nicht besetzt ist.

Schnellere Entscheidungen vor Ort

Eine Entscheidung muss nicht automatisch durch mehrere Leitungsebenen wandern. Wer in einer Rolle über die nötige Autorität verfügt, kann handeln und die Konsequenzen verantworten. Besonders in dynamischen Bereichen kann das Reaktionszeiten verkürzen.

Flexiblere Zusammenarbeit

Menschen können mehrere Rollen übernehmen und dadurch unterschiedliche Fähigkeiten einbringen. Das kann zu einer besseren Nutzung von Fachwissen führen, etwa wenn eine Person sowohl in einem Bildungsprojekt als auch in der Öffentlichkeitsarbeit tätig ist.

Diese Vorteile sind jedoch nicht garantiert. Mehr formale Klarheit führt nicht automatisch zu mehr Vertrauen. Wenn eine Organisation weiterhin über informelle Macht, persönliche Abhängigkeiten oder Angst gesteuert wird, bleiben die alten Muster bestehen, auch wenn die Rollen anders heißen.

Wo die Grenzen und Risiken liegen

Holacracy wird gelegentlich als einfache Lösung gegen starre Hierarchien verkauft. Das halte ich für übertrieben. Das System ersetzt informelle Macht nicht durch Freiheit ohne Regeln, sondern durch mehr Prozessdisziplin. Wer klare Sitzungen, Dokumentation und Entscheidungsregeln ablehnt, wird sich damit schnell schwertun.

Die Lernkurve ist real

Begriffe wie Kreis, Domäne, Governance oder Einwand müssen zunächst verstanden und eingeübt werden. In der Anfangsphase können Sitzungen sogar länger dauern, weil die Beteiligten lernen, persönliche Meinungen von rollenbezogenen Einwänden zu unterscheiden.

Rollen können Menschen überfordern

Mehr Autonomie bedeutet auch mehr Verantwortung. Wer bisher klare Anweisungen gewohnt war, erlebt den neuen Spielraum nicht automatisch als Entlastung. Gerade in Organisationen mit hoher Arbeitsbelastung kann zusätzliche Selbstorganisation wie eine weitere Aufgabe wirken.

Arbeitsrecht und Mitbestimmung bleiben bestehen

Ein Organisationsmodell hebt keine gesetzlichen Regeln auf. In Deutschland müssen etwa Arbeitsrecht, Datenschutz, Tarifvereinbarungen und die Rechte von Betriebsräten berücksichtigt werden. Eine Rolle entscheidet nicht einfach über Dinge, für die rechtlich eine andere Zuständigkeit gilt.

Informelle Hierarchien verschwinden nicht von selbst

Auch in einem Kreis können einzelne Personen besonders großen Einfluss gewinnen. Das passiert durch Fachwissen, Netzwerke, Charisma oder Zugang zu wichtigen Informationen. Deshalb braucht verteilte Autorität zusätzlich offene Kommunikation und überprüfbare Entscheidungen.

Mein wichtigster Vorbehalt betrifft deshalb nicht die Theorie, sondern die Umsetzung. Wer nur neue Begriffe einführt, aber Macht, Ressourcen und Zugang zu Informationen unverändert lässt, erhält keine Holacracy, sondern eine umbenannte Hierarchie.

Wie sich Holacracy von anderen Organisationsformen unterscheidet

Für die Einordnung hilft ein Vergleich. Viele Unternehmen übernehmen einzelne Elemente wie Selbstorganisation, agile Teams oder regelmäßige Retrospektiven, ohne das vollständige System einzuführen. Das ist nicht automatisch falsch, sollte aber klar benannt werden.

Modell Entscheidungslogik Stärke Typische Grenze
Klassische Hierarchie Entscheidungen folgen Rang und Zuständigkeit Klare Linien und schnelle Vorgaben von oben Abhängigkeit von Führungskräften und lange Abstimmungen
Holacracy Entscheidungen folgen Rollen und definierten Prozessen Transparenz und verteilte Autorität Hoher Lern- und Pflegeaufwand
Soziokratie Entscheidungen werden häufig im Konsent getroffen Starke Beteiligung und gemeinsames Abwägen Prozesse können bei Konflikten langsamer werden
Agile Arbeitsweise Teams entscheiden iterativ über die Umsetzung Schnelles Lernen und enge Rückkopplung Regelt nicht automatisch die gesamte Organisationsstruktur

Holacracy und Soziokratie haben gemeinsame Wurzeln und ähnliche Vorstellungen von Kreisen und Beteiligung. Sie sind aber nicht identisch. Holacracy legt besonderen Wert auf präzise Rollenbeschreibungen und formale Governance, während soziokratische Ansätze stärker über Konsent und gemeinsame Zustimmung arbeiten.

Agile Methoden können gut mit einer holakratischen Struktur verbunden werden. Ein agiles Team kann innerhalb eines Kreises arbeiten, ohne dass Scrum oder Kanban die Frage beantworten, wer über Rollen, Budgets oder Organisationsregeln entscheidet. Genau dort liegt der Unterschied zwischen einer Arbeitsmethode und einem umfassenden Governance-System.

Wie eine Einführung realistisch gelingen kann

Eine vollständige Umstellung über Nacht halte ich für riskant. Sinnvoller ist ein kontrollierter Einstieg, bei dem die Organisation zunächst feststellt, welches Problem sie tatsächlich lösen möchte. Geht es um langsame Entscheidungen, unklare Verantwortlichkeiten oder um fehlende Beteiligung? Davon hängt ab, wie tief der Eingriff sein sollte.

  1. Zweck klären und die konkreten organisatorischen Spannungen sichtbar machen.
  2. Führungsmandat sichern, denn verteilte Autorität funktioniert nicht, wenn die oberste Leitung jederzeit informell eingreift.
  3. Ein Pilotbereich auswählen, der wichtig genug für echte Erkenntnisse, aber begrenzt genug für einen sicheren Lernprozess ist.
  4. Rollen statt Stellen sammeln und Zweck, Verantwortlichkeiten sowie Entscheidungsbereiche schriftlich beschreiben.
  5. Governance- und operative Sitzungen klar voneinander trennen.
  6. Nach sechs bis zwölf Wochen prüfen, ob Zuständigkeiten verständlicher, Entscheidungen schneller und Konflikte bearbeitbarer geworden sind.

Ein Pilot sollte nicht nur aus besonders überzeugten Anhängern bestehen. Sonst entsteht ein geschöntes Bild. Besser ist eine gemischte Gruppe mit unterschiedlichen Rollen, Erfahrungsstufen und auch skeptischen Stimmen.

Für die Einführung braucht es außerdem Zeit für Schulung und Moderation. Eine Organisation sollte nicht nur Regeln bereitstellen, sondern auch erklären, wie ein Einwand formuliert wird, wie Rollen gepflegt werden und wann eine Frage operativ statt strukturell gelöst werden sollte.

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Woran man Fortschritt erkennt

Der Erfolg lässt sich nicht allein daran messen, ob ein Organigramm verschwunden ist. Aussagekräftiger sind konkrete Beobachtungen. Werden Entscheidungen dort getroffen, wo die nötigen Informationen liegen? Sind Verantwortlichkeiten auffindbar? Werden Konflikte früher angesprochen? Und können Menschen ihre Rollen anpassen, ohne jedes Mal eine persönliche Machtfrage auszulösen?

Wer messen möchte, kann beispielsweise die durchschnittliche Entscheidungsdauer, die Zahl ungeklärter Zuständigkeiten oder die Zeit bis zur Bearbeitung einer organisatorischen Spannung vergleichen. Solche Werte sind keine wissenschaftliche Erfolgsgarantie, helfen aber dabei, Begeisterung und Enttäuschung von tatsächlichen Veränderungen zu trennen.

Was von der Idee über die Organisation hinaus bleibt

Die wichtigste Einsicht ist für mich nicht, dass jede Organisation Holacracy vollständig übernehmen sollte. Wertvoller ist die Frage, ob Verantwortung dort liegt, wo die Arbeit tatsächlich geschieht. Das betrifft Unternehmen ebenso wie Vereine, Bildungsinitiativen, soziale Projekte und andere gesellschaftliche Zusammenschlüsse.

Das Modell zeigt, dass flachere Strukturen nicht automatisch informell sein müssen. Sie können verbindliche Regeln, nachvollziehbare Zuständigkeiten und klare Grenzen haben. Gerade darin liegt ein interessanter Beitrag zur Diskussion über demokratischere Arbeitswelten.

Wer mit Holacracy arbeitet, sollte deshalb nicht nach einer perfekten Organisationsform suchen. Die bessere Frage lautet, welche Entscheidungen näher an die Betroffenen gelangen müssen, welche Regeln dafür Schutz geben und wo weiterhin Führung gebraucht wird. Wenn diese Fragen ehrlich beantwortet werden, kann verteilte Autorität mehr sein als ein Managementtrend: ein praktischer Schritt zu mehr Verantwortung, Transparenz und Beteiligung im gesellschaftlichen Alltag.

Häufig gestellte Fragen

Holacracy beschreibt für jede Rolle einen Zweck, Verantwortlichkeiten und mögliche Entscheidungsbereiche. Rollen werden in Kreisen gebündelt, wobei eine Person mehrere Rollen übernehmen kann und eine Rolle auch von mehreren Personen ausgefüllt werden kann.
Governance legt fest, wie die Organisation strukturiert ist, etwa durch neue Rollen, geänderte Verantwortlichkeiten oder Policies. Die operative Arbeit umfasst dagegen tägliche Aufgaben, Projekte, Prioritäten und konkrete Entscheidungen innerhalb dieser Regeln.
Zuerst sollte sie das konkrete Problem klären und ein Führungsmandat sichern. Danach kann ein begrenzter Pilotbereich Rollen dokumentieren, Governance- und operative Sitzungen trennen und nach sechs bis zwölf Wochen prüfen, ob Zuständigkeiten klarer und Entscheidungen schneller geworden sind.
Das Modell verlangt Disziplin, Schulung, Moderation und regelmäßige Pflege der Rollen. Informelle Hierarchien verschwinden nicht automatisch, und Arbeitsrecht, Datenschutz, Tarifvereinbarungen sowie die Rechte von Betriebsräten bleiben weiterhin verbindlich.
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Autor Siegmund Engelhardt
Siegmund Engelhardt
Mein Name ist Siegmund Engelhardt und seit 14 Jahren beschäftige ich mich intensiv mit den Themen Kultur, Glaube und Gesellschaft im Wandel, wie sie auf koelner-wegekreuze.de beleuchtet werden. Mich fasziniert, wie sich unsere Welt verändert und welche Spuren diese Veränderungen in unserer Kultur und unserem Glauben hinterlassen. Es ist mir ein Anliegen, komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen und Ihnen dabei zu helfen, die Entwicklungen unserer Zeit besser einzuordnen. Dabei lege ich großen Wert darauf, meine Artikel gut zu recherchieren und Ihnen fundierte Einblicke zu geben, die sowohl informativ als auch nachvollziehbar sind.
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